«Das war aber ein freundlicher Mitarbeiter am anderen Ende der Telefonleitung», dachte ich mir beim letzten Gespräch mit einem Call Center Agenten. Ich fragte mich, ob er vielleicht auch schwul sei. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir sogar gedacht: «So freundlich wie er ist, der muss doch bestimmt schwul sein.» Oder habe ich es einfach bloss gehofft? Und falls ja, warum?

Wer mit seinen schwulen Freunden unterwegs ist, weiss, dass in der Gruppe oft über andere Männer «gewerweisselt» wird. Der hübsche Kellner, der zuvorkommende Verkäufer, der Mann, der einem entgegenkam und dabei grundlos freundlich gelächelt hat. Gehört er ebenfalls «zur Familie»?

Vor ein paar Jahren konnte ich beobachten, wie findige Marketingmenschen, die den schwulen Mann als finanzkräftigen Wunschkunden für sich entdeckt hatten, forderten, dass es für diese Klientel ein eigenes Verkaufsteam geben sollte. In einer Schweizer Grossbank gab es auf einmal einen «Pink Desk». Hier sollten LGBTI-Mitarbeiter*innen die LGBTI-Kund*innen der Bank bedienen. Das Projekt – initiiert von einer weissen, heterosexuellen Frau (wie das die meisten Diversity-Beauftragten in Grossfirmen sind – denke!) wurde meines Wissens als nicht erfolgreich wieder eingestampft. Und das ist auch gut so. Solche «Pink Desks» sind meiner Meinung nach reine Alibi-Übungen und schiessen am Ziel vorbei.

Auch Heteros können ein «Pink Package» verkaufen

Schwulen ist es zwar in der Tat angenehm, wenn sie vom Gegenüber wissen, dass er die gleiche sexuelle Orientierung teilt. Und ja, ich habe mich auch schon dabei ertappt, wie ich lieber bei einem schwulen Blumenhändler als bei einem x-beliebigen eingekauft habe. Das ist aber nicht miteinander vergleichbar: Der schwule Blumenhändler ist ein buntes und diverses Kleinunternehmen von denen ich mir ganz viele wünsche. Ein «Pink Desk» in einer Grossbank hingegen ist mir relativ egal. Die Finanzdienstleistungen, die dieser Desk anbietet, mögen ja ein bisschen der Zielgruppe angepasst sein (Achtung: Klischeefalle!), aber wer sein Geld gewinnbringend investieren möchte, will in erster Linie Geld verdienen. Und mit Verlaub: Auch Heteros können mir ein «Pink Package» verkaufen, wenn ich denn ein solches wünsche.

Und wie weiss die Bank überhaupt, dass ich zur LGBTI-Community gehöre? Und will ich überhaupt, dass die Bank das weiss? Führt das nicht zu einer wilden Datensammlerei, die schnell auch Dimensionen annimmt, die jeglichem Bedürfnis nach Privatsphäre spottet?

Unterschied: persönliche und allgemeine Dienstleistung

Man muss unterscheiden: Ist die Dienstleistung sehr persönlich – erbracht von jemanden, der für mich eine individuelle Reise bucht, meinem Arzt, Zahnarzt oder Physiotherapeuten, Coiffeur oder Kosmetiker, empfinde ich es ehrlich gesagt als sehr angenehm, wenn diese Dienstleistungen von einem (schwulen) Mann ausgeführt werden. Beim Blumen- oder Buchhändler, Kellner oder Kleiderverkäufer ist es mehr eine Frage von «Dazugehörigkeit». Man unterstützt Mitglieder aus der eigenen Community, so wie Bauern eher Bauern, Familienmenschen andere Familienmenschen, Turnerinnen ihre Riegenkolleginnen und Schweizer*innen andere Schweizer*innen beistehen. Daran ist nichts falsch. Der Mensch ist ein soziales Geschöpf und Netzwerke sind ihm wichtig. Und da ich mich zum Beispiel als Fussballer wegen meines Berufs oder Hobby in gewissen Kreisen bewege, schliesse ich in diesem Umfeld auch Freund- und Kameradschaften. Und falls ich dann mal was brauche, erinnere ich mich daran, dass der Freund jener oder die Partnerin jenes Gspähndlis ja einen Laden für dies oder das hat, und ich berücksichtige ihn oder sie.

Zusammenfassend kann man in Bezug auf Dienstleistungserbringer*innen sagen:

  1. Leistungserbringer einer persönlichen Dienstleistung: Als schwuler Mann ist es mir lieber, wenn diese Dienstleistung – Professionalität vorausgesetzt – von einem Mann erbracht wird. Ist er Teil der Community ist das schön, aber nicht zwingend. So wie ich ihn akzeptiere, soll er auch mich akzeptieren.
  2. Leistungserbringer von unpersönlichen Dienstleistungen: Hier ist mir in erster Linie die Kompetenz und erst in zweiter die Zugehörigkeit zur Community wichtig. Selbstverständlich fühle ich mich bei so einem Service auch wohl, wenn er von einer Person weiblichen Geschlechts ausgeführt wird. Auch hier gilt: Gegenseitiger Respekt ist das A und O.

Die Schnittmenge macht’s aus

Nicht zu vergessen: Wir sind nie Angehörige nur einer einzigen Community. «LGBTIQ+» ist ein total loses, oft anonymes Netzwerk. Neben dieser Familie, gibt’s zum Beispiel auch die Blutsverwandten, die Nachbarschaft, das Dorf, das Quartier, der Verein, die Partei, das Hobby und so weiter und so fort. Welche nun die Wichtigste aller Communities ist, das muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Im Idealfall ist das jemand aus einer Schnittmenge: Mein schwuler Vereinskollege, der in meinem Quartier eine Physiotherapiepraxis oder eine Bäckerei führt, zum Beispiel.

Zum Schluss möchte ich aber noch den wichtigsten all meiner Gedanken zu diesem Thema loswerden: Wir sind nämlich oft viel zu unfreundlich und intolerant zueinander. Schenk deinem Gegenüber ein Lächeln, akzeptiere es, wie es ist und tue das, was du tust mit Überzeugung, Herzblut und der nötigen Kompetenz. Dann braucht es nämlich überhaupt keine «Pink Desks» und keine (Selbst-)Ghettoisierung der Community.

Kategorien: Gesellschaft

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