Wie viele Schweizer Top-Führungskräfte in Grossunternehmen kennst du? Klar, aus den Medien «kennt» man bei Nestlé, Novartis, UBS, Swisscom oder Implenia vielleicht den CEO, die Führungsriege rund um den Chef bleibt einem aber ohne direkte Kontakte eher verborgen. Und wie viele von diesen Führungskräften sind Mitglieder der LGBTIQ-Community? Ich wette, du kennst nicht viele, bis gar keine geouteten Schweizer Wirtschaftskapitäne. Stimmt’s?

Im angelsächsischen Raum geht man mit diesem Thema um einiges offener als hierzulande um und auch in Deutschland kürt das Portal «Capital» jedes Jahr die Top-LGBTI+ Führungskräfte. Wer «schwule CEOs Schweiz» googelt, findet… Genau: nichts. Keine Liste, kein Ranking, einfach rein gar nichts. Google verweist auf zwei Artikel in der «Schweizer Illustrierten»: «Diese Schweizer Promis stehen zu ihrer Homosexualität» und «Das sind die mächtigsten LGBT-Menschen der Schweiz». Augenfällig: Auf der ersten Liste findet man Menschen aus dem Show- und Newsbusiness sowie der Politik und keinen einzigen aus der Wirtschaft. Kann das sein? Ausgerechnet in der liberalen und wirtschaftsfreundlichen Schweiz soll es keine prominenten LGBTIQ-Führungskräfte geben? Dass von den 33 gelisteten Schweizer Promis gerade mal drei lesbisch sind, das ist ein anderes Kapitel.

Bekannt, aber auch mächtig?

Okay, vielleicht habe ich mit der zweiten Liste mehr Glück. Immerhin soll ich nun erfahren, wer die «mächtigsten» LGBTIQ’s der Schweiz sind. Das klingt zwar auch nach Politik, es hört sich aber auch nach Geld und Wirtschaft an. Ich klick mich durch und bin erstaunt: Die Liste ist mehr oder weniger deckungsgleich mit den Menschen auf der Promi-Liste. Allerdings hat es viel mehr Frauen drauf, darunter auch Sportlerinnen und Wissenschaftlerinnen. Und es werden auch zwei Wirtschaftsvertreter*innen genannt: Jerry Dreifuss, ist Gründer und CEO der Züricher Swiss Eyewear Group und Karin Müller, die Chefredaktorin von Telebasel. Bei Karin Müller war ich mir nicht ganz sicher, ob ich sie zu den Wirtschaftsvertreter*innen zählen darf – schliesslich gibt es auf beiden Listen auch viele schwule Moderatoren und Präsentatoren (also Medienvertreter), die ich ja auch nicht der Wirtschaft, sondern dem Show- und Unterhaltungsbusiness zugeordnet habe. Aber so eine Chefredaktorin hat schon eine ganz ordentliche Führungsposition inne, darum ist die Auswahl meiner Meinung nach gerechtfertigt. Fazit: zwei von 24 «mächtigsten LGBT-Menschen» auf der Liste der «Schweizer Illustrierten» sind Führungskräfte in der Wirtschaft.

Kopf angestossen?

Echt? Kann das sein? Hast du schon einmal von der «gläsernen Decke» gehört? Daran stossen sich vermeintlich Frauen, LGBTIQs und Vertreter*innen von ethnischen Minderheiten den Kopf, wenn sie Karriere machen wollen. Für uns will das heissen: Offen LGBTIQ-feindlich zu sein, das kann sich heutzutage kein euro-amerikanischer und internationaler Konzern mehr leisten. Doch warum gibt es in den Verwaltungsräten und Geschäfts-/Konzernleitungen keine (mir bekannten) Schwulen und Lesben? Stossen karrierewillige LGBTIQs tatsächlich an eine unsichtbare, gläserne Decke? Bleibt ihnen der letzte Karriereschritt verwehrt? Oder wollen sie gar nicht bis ganz zuoberst kommen? Kaum.

Ich habe die Köpfe der Führungsriege von ein paar grossen Schweizer Unternehmen angeschaut. Meine allererste Erkenntnis war: Frauen sind in der Tat massiv untervertreten. Schweizer Konzernleitungen scheinen nach wie vor ein Hort meist weisser, heterosexueller Männer zu sein. Ob ein Geschäftsleitungsmitglied ein Mann oder eine Frau ist, ist relativ einfach zu bestimmen. Die sexuelle Orientierung sieht man einem Menschen aber nicht unbedingt an. Ich habe mich darum durch die Lebensläufe der Manager*innen geklickt oder habe sie sonst irgendwie gegoogelt. Wenn ich einen Hinweis auf «verheiratet», «Frau» und/oder «Kinder» gefunden habe, habe ich ihn oder sie als heterosexuell kategorisiert. Ich weiss, das sind nur Indizien und keine Beweise, denn schliesslich können auch LGBTIQs Kinder haben und (bald ganz offiziell) verheiratet sein. Dennoch scheint mich meine rasche und zugegebenermassen oberflächliche Recherche in meiner Annahme zu bestätigen, dass es in der Schweiz in der obersten Führungsetage erstens viel zu wenig Diversität gibt und zweitens, dass ich das Phänomen der «gläsernen Decke» noch etwas genauer unter die Lupe nehmen sollte.

Die Untervertretung bleibt ein Rätsel

Im Gespräch mit Personalexperten – allesamt LGBTIQs – wurde mir zusammenfassend folgendes Bild vermittelt: Falls es für LGBTIQs eine gläserne Karrieredecke gibt, dann muss zwischen KMUs und Grosskonzernen unterschieden werden. Bei Schweizer KMUs könne es durchaus vorkommen, dass man für ein neues Geschäftsleitungsmitglied einen heterosexuellen Kandidaten einem Community-Mitglied vorziehen würde. Gerechtfertigt werden diese Diskriminationen mit Gründen wie: «Was sollen sonst die Leute denken?» oder «Das kommt bei der Belegschaft nicht gut an». Krass.

Internationale Firmen mit Sitz in Europa und Nordamerika können sich solche Diskriminierungen nicht (mehr) leisten, meinen meine Informanten. Warum es aber in den Geschäftsleitungen der grossen Schweizer Firmen, die ja durchaus international tätig sind, trotzdem keine öffentlich geouteten LGBTIQ-Manager*innen gibt, darauf wussten auch sie keine Antwort. Gut, es könnte ja sein, dass es sie sehr wohl gibt, dass sie aber ihre Sexualität einfach nicht an die grosse Glocke hängen. Ich hege aber Zweifel, dass die Community nie und nimmer mit den gesellschaftsüblichen 10 Prozent in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen der grossen Schweizer Firmen vertreten ist.

Einen Tipp haben mir meine Gesprächspartner noch mit auf den Weg gegeben: Wer in seiner Firma auf Karriere hofft und merkt, dass es einfach nicht weitergeht und er/sie überzeugt ist, dass das an seiner/ihrer sexuellen Orientierung liegt, dem/der sei geraten, schleunigst den Arbeitgeber zu wechseln. Das Leben sei zu kurz und zu wertvoll, als dass man sich verstecken oder überhaupt deswegen zurückstecken müsse.


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